Was ist Sericin? Das verborgene Protein der Seide

Was ist Sericin? Das verborgene Protein der Seide

Was ist Sericin?

Wer sich mit Seide beschäftigt, stösst früher oder später auf diesen Begriff. Sericin ist ein Protein, das die Seidenraupe (Bombyx mori) beim Spinnen ihres Kokons produziert. Es umhüllt den eigentlichen Seidenfaden, das sogenannte Fibroin, und hält die feinen Fäden des Kokons zusammen. Ohne Sericin würde der Kokon schlicht auseinanderfallen.

Der Kokon besteht zu rund 70 bis 80 Prozent aus Fibroin, dem faserigen Kernprotein, und zu etwa 20 bis 30 Prozent aus Sericin, das die Fibroin-Fäden verklebt und den Kokon zusammenhält.

Wie entsteht Sericin?

Beim Spinnen des Kokons arbeiten die Spinndrüsen der Raupe auf zwei Ebenen gleichzeitig: Fibroin bildet den Kern des Fadens, Sericin ummantelt ihn nach aussen. Gemeinsam bilden sie die stabile Hülle des Kokons, in der sich die Puppe während ihrer Verwandlung befindet.

Was passiert bei der Seidenverarbeitung?

In der klassischen Seidenherstellung wird Sericin gezielt entfernt, man nennt das Degummierung. Die Kokons werden dazu in heissem Wasser oder einer milden Seifenlösung behandelt, bis sich das Protein löst. Was bleibt, ist der glatte, glänzende Seidenfaden, den wir von feinen Stoffen und Tüchern kennen.

Lange galt das abgelöste Sericin schlicht als Abfall. Allein aus der weltweiten Kokonproduktion fallen jährlich enorme Mengen davon an. Heute weiss man, dass darin erhebliches Potenzial steckt.

Was macht Sericin besonders?

In der Forschung werden verschiedene Eigenschaften von Sericin untersucht. Dazu gehören seine Fähigkeit, Feuchtigkeit zu binden, sowie mögliche antioxidative und antibakterielle Eigenschaften. Die Ergebnisse hängen unter anderem davon ab, wie das Protein gewonnen und unter welchen Bedingungen es untersucht wird.

Für die Kosmetik ist Sericin vor allem als feuchtigkeitsbindender und filmbildender Inhaltsstoff interessant. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, wie ein fertiges Pflegeprodukt auf der Haut wirkt. Entscheidend sind auch die Zusammensetzung, die eingesetzte Menge und die Prüfung des jeweiligen Produkts.

Auch in der Medizin ein Thema

Auch in der medizinischen Forschung wird Sericin untersucht, beispielsweise als Bestandteil von Materialien für Wundauflagen, für die Gewebeentwicklung oder für den Transport von Wirkstoffen. Dabei geht es um mögliche Anwendungen, nicht um eine allgemein nachgewiesene Heilwirkung von Sericin. Ergebnisse aus Laborversuchen lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Anwendung beim Menschen übertragen.

Viele dieser möglichen Anwendungen befinden sich noch in der Forschung und Entwicklung. Welche davon künftig im Alltag eingesetzt werden können, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Es bleibt spannend, welche neuen Erkenntnisse und Einsatzmöglichkeiten sich daraus ergeben.

Sericin und Rohseide

Bei Rohseide, auf Französisch Grège, bleibt das Sericin ganz oder teilweise erhalten. Das ist kein Fehler, sondern eine Entscheidung. Der Stoff wirkt dadurch etwas matter, leicht strukturiert und fühlt sich fester an als vollständig degummierte Seide. Wer Rohseide mag, schätzt oft genau diese Natürlichkeit, diese unveränderte Form, in der die Seide aus dem Kokon kommt.

Kurz zusammengefasst

Sericin ist ein faszinierendes Protein, das man leicht übersieht, weil es in der fertigen Seide meist nicht mehr vorhanden ist. Dabei steckt darin mehr als man denkt: Schutzfunktion im Kokon, Feuchtigkeitsbindung auf der Haut, Strukturgeber in der Rohseide, und ein wachsendes Anwendungsfeld in Medizin und Biotechnologie. Was lange als Abfall galt, entpuppt sich zunehmend als wertvoller Rohstoff.

Wer mehr über den Aufbau der Seidenfaser verstehen will, dem sei unser nächster Artikel empfohlen: Darin geht es um Fibroin, das zweite Protein im Kokon und das Herzstück der eigentlichen Seidenfaser.

Grundlage dieses Artikels bilden aktuelle wissenschaftliche Publikationen zu Seidenproteinen.