Die Ursprünge in China
Die Entdeckung der Seide wird der chinesischen Kaiserin Leizu zugeschrieben, die um 2700 v. Chr. beobachtete, wie ein Seidenkokon in eine Tasse heisses Wasser fiel und sich zu einem feinen Faden entwirrte. Ob Mythos oder Wirklichkeit, die Faszination für diesen Moment ist bis heute spürbar.
Archäologische Funde belegen, dass Seidengewebe bereits um 3000 v. Chr. in China hergestellt wurde. Das Wissen über die Zucht der Seidenraupe und die Verarbeitung der Fasern war ein streng gehütetes Staatsgeheimnis, das über Jahrhunderte weitergegeben wurde.
Die Seidenstrasse
Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. wurde Seide zum wichtigsten Handelsgut entlang der Seidenstrasse, die China mit Zentralasien, dem Nahen Osten, Europa und Nordafrika verband. Im antiken Rom galt sie als "Textil des Kaisers" und war ein Symbol für Luxus und Reichtum. China behielt für fast 3000 Jahre die Kontrolle über die Seidenproduktion.
Seide in Europa
Im 6. Jahrhundert gelangten Seidenraupen und Maulbeersamen erstmals nach Europa, angeblich durch byzantinische Mönche, die sie in ausgehöhlten Wanderstäben schmuggelten. In Italien, Frankreich und Spanien entstanden erste Seidenzentren. Hugenotten, französische Protestanten die wegen ihres Glaubens fliehen mussten, brachten ihr Weberwissen später in die Schweiz.
Seide in der Schweiz
Im 18. und 19. Jahrhundert war die Seidenweberei einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz. Das Zürcher Oberland und das Rheintal lebten davon. Mit der Industrialisierung und dem Aufkommen von Kunstfasern verlor die Branche an Bedeutung.
Seide im Zürcher Albistal
Die Region um Obfelden und Hausen am Albis war ein Zentrum der Schweizer Seidenindustrie. 1825 gründete Jakob Zürrer in Hausen am Albis eine Seidenweberei, 1837 folgte Rudolf Stehli in Obfelden. Die Fabriken belieferten weltbekannte Modehäuser wie Hugo Boss und Chanel, und fast alle Schweizer Vereinsfahnen wurden hier gewebt. Viele Bewohner aus den umliegenden Dörfern, auch aus dem benachbarten Freiamt, arbeiteten in der Fabrik in Obfelden.
Beide Betriebe stellten ihre Produktion im Laufe des 20. Jahrhunderts ein. 2013 endete nach 188 Jahren die Seidenweberei in Hausen am Albis als letzter Standort. Das Erbe lebt jedoch weiter: In Hausen am Albis betreibt Weisbrod noch heute einen 700 m² grossen Stoffladen im historischen Fabrikgebäude, sechster Generation im Familienbesitz. In Obfelden befindet sich die Sammlung Stehli Seiden, die grösste private Sammlung zur Schweizer Seidenindustrie.
Schweizer Seide heute
Seit einigen Jahren erlebt die Seidenproduktion in der Schweiz eine Renaissance. Über die Vereinigung SwissSilk haben sich Produzenten zusammengeschlossen, die wieder Seidenraupen aufziehen und Kokons ernten. Feldseide ist Teil dieser Bewegung, verwurzelt in einer Region mit langer Seidentradition.